Nach fast 16 Monaten zurück in der Zivilisation merke ich immer mehr,  wie sehr ich mich verändert habe. Und wo ich mich zum Teil auch wieder zurück entwickelt habe.

Mir fehlt das “wahre” und “echte” Leben, draußen in der Welt. Ich weiß dass das viele Menschen weder verstehen noch nachvollziehen können. Leben sie selbst etwa nicht das wahre, echte Leben?

Doch, schon. Aber auf einer anderen Ebene. Das ist weder gut noch schlecht. Es ist einfach, was es ist.

Also, was meine ich jetzt genau und noch viel wichtiger: worauf will ich hinaus?

Ich rede davon, das wir alle als Menschheit und Zivilisation (vor allem die westliche) vergessen haben, was es bedeutet zu Leben. Wir kranken an dem, was die “Gesellschaft” in der wir Leben uns vorgibt – ohne zu fragen, versteht sich. Wir haben alle einen freien Willen, wissen aber nichts davon. So empfinde ich vor allem uns deutsche als sehr lethargisch und quasi permanent missgelaunt. Schaut man in die Gesichter und vor allem die Augen der Menschen wenn man durch die Stadt geht, sieht man selten jemanden lächeln und hat noch weniger den Eindruck das die Menschen hier wirklich glücklich sind – und das dann auch noch ausstrahlen. Und wie oben schon erwähnt, fühle ich mich auch davon betroffen. Wenn wir nicht jammern können, fehlt einfach etwas.

Aber das Leben ist im Grunde viel einfacher wenn man bewusst Lebt und genauso auf unnötige Dinge, Themen und Menschen verzichtet.

Ich muss nicht der beliebteste Deutsche sein.

Ich muss auch nicht bei jedem tagesaktuellen Thema mitreden können.

Und ich muss mich erst recht nicht mit Menschen abgeben, die mir nicht gut tun.

 

Das alles sind bewusste Entscheidungen die ich für mich und mein Leben getroffen habe. Und ich stehe auch dazu. Ich lebe mein Leben so wie ich es für richtig empfinde und dazu passt einfach die Mentalität des “Durchschnitts-Deutschen” nicht mehr.

Ich fühle mich hier nicht unbedingt unwohl, aber ich hab eben auch schon andere Länder gesehen in denen ich mich deutlich besser gefühlt habe.

Und so ist es meiner Meinung nach nicht wirklich überraschend, dass mich das Fernweh wieder gepackt hat und ich mich auf ein neues Abenteuer vorbereite.

Den Te Araroa Trail in Neuseeland.

Gegen Ende diesen Jahres werde ich wieder das Land verlassen und für ungefähr ein Jahr unterwegs sein. Den Anfang mache ich in Aotearoa wo ich eben besagten Trail Richtung Süden durchwandern werde. Von Cape Reinga auf der Nordinsel nach Bluff auf der Südinsel. Vom nördlichsten Punkt der Nordinsel zum südlichsten Punkt der Südinsel. Insgesamt knapp 3100km wofür ich ca 5-6 Monate einplane.

Je nachdem wie ich voran komme werde ich dann noch etwas Zeit in meinem Lieblingsland verbringen und ausruhen bevor es weiter geht nach Amerika wo der PCT – Pacific Crest Trail – auf mich wartet.

Ich war 2013 schon einmal dort und bin mit meiner damaligen Freundin knapp 4 Wochen mit dem Campervan durch das Land gefahren. Beide Inseln – gut 9000km. Natürlich sieht man viel wenn man fährt und die Eindrücke können einen geradezu überfluten. Man war zwar überall, hat aber am Ende trotzdem nicht viel gemacht und gesehen. Es ist nicht so als ob ich das bereuen würde. Ganz im Gegenteil. Es war eine tolle Erfahrung! Und hat mir gezeigt, dass ich mindestens noch einmal dahin möchte.

Ich habe einen Teil meines Herzen dort gelassen und kann es gar nicht erwarten noch einmal dahin zu reisen. Dieses mal aber bleibe ich länger und werde nur zu Fuß unterwegs sein.

Zum Abschluss noch ein Gedicht von Herman Hesse, welches ich als äußerst passend empfinde:

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Wir sehen uns in der Wildnis!